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Was ist deine Zahl?

Als Angestellter stand deine Zahl im Vertrag. Jetzt musst du sie selbst setzen — und sie ist deutlich höher als das, was du zum Leben brauchst.

Von Jörg Refeld· 4 Min. Lesezeit

Als Angestellter kennst du deine Zahl. Sie steht im Vertrag, kommt jeden Monat am selben Tag, und jemand anderes hat sie festgelegt.

In der Selbstständigkeit gibt es diese Zahl nicht mehr. Du weißt am Monatsanfang nicht, was am Ende übrig bleibt. Deshalb musst du sie dir selbst setzen — und zwar bevor du startest, nicht wenn es eng wird.

Deine Zahl ist nicht dein Wunschumsatz. Sie ist der Betrag, unter dem es nicht mehr geht.

Schritt 1: Was du tatsächlich brauchst

Nicht schätzen. Nachsehen.

Nimm deine Kontoauszüge der letzten drei Monate und addiere alles: Miete, Strom, Versicherungen, Lebensmittel, Mobilität, Telefon, Abos, Kleidung, Freizeit. Auch das, was du für unwichtig hältst — gerade das.

Für Alleinstehende landen die meisten bei 2.000 bis 2.600 € im Monat. Familien liegen zwischen 3.000 und 5.000 €. Aber der Durchschnitt hilft dir nicht. Deine eigene Zahl schon.

Nehmen wir 2.400 € netto.

Schritt 2: Was der Angestelltenvertrag mitbezahlt hat

Hier machen fast alle den Fehler, mit 2.400 € weiterzurechnen. Als Angestellter hat dein Arbeitgeber die Hälfte deiner Sozialversicherung getragen. Diese Hälfte zahlst du jetzt selbst.

Positionpro Monat
Lebenshaltung netto2.400 €
Kranken- und Pflegeversicherung (freiwillig gesetzlich)450 €
Altersvorsorge300 €
Einkommensteuer-Rücklage650 €
Deine Zahl3.800 €

3.800 €, nicht 2.400 €. Der Unterschied von 1.400 € im Monat sind 16.800 € im Jahr — genau der Betrag, der in den meisten Planungen fehlt.

Deine Zahl ist nicht, was du zum Leben brauchst. Sie ist, was dein Unternehmen abwerfen muss, damit du leben kannst.

Schritt 3: Wie viele Monate Rückhalt du brauchst

Als Angestellter gab dir die Kündigungsfrist Sicherheit — drei Monate, in denen dein Leben weiterläuft, während du dich neu sortierst.

Diese Frist musst du dir jetzt selbst geben. Sie heißt Liquiditätsreserve, und sie ist keine Vorsichtsmaßnahme, sondern eine Verhandlungsposition: Wer drei Monate Puffer hat, kann einen schlechten Auftrag ablehnen. Wer keinen hat, nimmt ihn an.

Bei 3.800 € im Monat:

  • 3 Monate Reserve: 11.400 €
  • 6 Monate Reserve: 22.800 €

Sechs Monate sind komfortabel, drei sind das Minimum. Unter drei Monaten triffst du Entscheidungen aus Druck — und Entscheidungen aus Druck sind fast immer teuer.

Schritt 4: Wie du dorthin kommst

Der Aufbau funktioniert am zuverlässigsten über eine feste Quote, nicht über den Rest am Monatsende. Denn der Rest am Monatsende ist meistens null.

Nehmen wir an, du machst in einem Monat 3.100 € Gewinn — 700 € unter deiner Zahl. Dann entnimmst du 3.100 € und legst nichts zurück. Das ist in Ordnung, solange du weißt, dass es passiert.

Machst du 5.300 €, also 1.500 € über deiner Zahl, gilt: Der Überschuss gehört nicht dir, sondern deiner Reserve — bis die Reserve steht.

Genau hier liegt die emotionale Hürde. Ein guter Monat fühlt sich wie verdientes Geld an, und der Impuls, ihn zu belohnen, ist stark. Der Mechanismus, der dagegen hilft, ist kein Vorsatz, sondern ein zweites Konto mit Dauerauftrag: Was über deine Zahl hinausgeht, wird am Monatsersten automatisch weggebucht.

Bei durchschnittlich 800 € Überschuss im Monat steht eine Drei-Monats-Reserve nach vierzehn Monaten. Bei 1.500 € nach acht.

Der Sonderfall Gründungszuschuss

Wenn du aus dem ALG-I-Bezug gründest, verschiebt sich die Rechnung erheblich. Bei einem Anspruch von 1.500 € im Monat bekommst du in den ersten sechs Monaten 1.800 € — das sind 47 Prozent deiner Zahl, ohne dass dein Unternehmen einen Euro erwirtschaftet hat.

Dein Betrieb muss in dieser Phase nur 2.000 € statt 3.800 € tragen. Nach den sechs Monaten bleiben noch neun Monate mit 300 €.

Das ist die eigentliche Funktion des Zuschusses: Er verkürzt nicht deine Anlaufstrecke, aber er macht sie überlebbar. Plane deshalb den Monat 7 mit — dort fällt die Unterstützung von 1.800 € auf 300 €, und diese Stufe hat schon viele Gründungen überrascht.

Was du jetzt tun kannst

Drei Zahlen, eine halbe Stunde:

  1. Deine Lebenshaltung aus den letzten drei Kontoauszügen — der echte Wert, nicht der geschätzte
  2. Plus Krankenversicherung, Altersvorsorge, Steuerrücklage = deine Zahl
  3. Mal drei = deine Mindestreserve

Schreib die Zahl auf. Häng sie dorthin, wo du arbeitest.

Ab dem Moment verhandelst du nicht mehr aus dem Bauch heraus über Preise. Du kennst die Grenze, unter der es sich nicht mehr rechnet.


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