Mindset

Du hast einen üblen Chef? Ist die Gründung deines eigenen Unternehmens eine Alternative für dich?

Selbstständigkeit beseitigt zuverlässig genau eine Sache: den Vorgesetzten. Alles andere kann bleiben oder schlimmer werden — sortiere vorher, was dich wirklich stört.

Von Jörg Refeld· 4 Min. Lesezeit

Ein schlechter Vorgesetzter ist ein guter Grund, den Job zu wechseln. Ob er ein guter Grund ist, zu gründen, ist eine völlig andere Frage — und die Antwort hängt davon ab, was dich konkret stört.

Denn Selbstständigkeit beseitigt genau eine Sache zuverlässig: den Vorgesetzten. Alles andere, was am Job nervt, kann bleiben oder schlimmer werden.

Der Test: Was genau stört dich?

Sortiere ehrlich. Die linke Spalte löst die Selbstständigkeit, die rechte nicht.

Selbstständigkeit löst dasSelbstständigkeit löst das nicht
Entscheidungen, die über deinen Kopf hinweg fallenschwierige Menschen — es gibt auch schwierige Kunden
Anwesenheit ohne Sinnunbezahlte Arbeit — davon wird es mehr
keine Anerkennung für ErgebnisseUnsicherheit — die steigt deutlich
fehlende Kontrolle über Arbeitsinhaltefehlende Struktur — die musst du selbst bauen
Beförderungen nach NasenfaktorKonflikte aushalten müssen

Wenn dein Ärger überwiegend links steht, ist Selbstständigkeit ein plausibler Weg. Steht er rechts, wechselst du das Problem, nicht die Lage.

Ein Kunde, der zu spät zahlt und ständig nachverhandelt, ist derselbe Ärger wie ein schwieriger Chef — nur ohne Kündigungsschutz.

Der teuerste Fehler: aus Wut kündigen

Hier geht es um Geld, nicht um Haltung.

Wer selbst kündigt, riskiert eine Sperrzeit von bis zu zwölf Wochen beim Arbeitslosengeld. In dieser Zeit fließt nichts — und, was schwerer wiegt: Der Anspruch verkürzt sich entsprechend.

Das ist deshalb kritisch, weil der Gründungszuschuss verlangt, dass du am Tag der Aufnahme deiner selbstständigen Tätigkeit noch mindestens 150 Tage Restanspruch hast. Eine Sperrzeit kann diese Rechnung kippen.

Was auf dem Spiel steht, bei einem ALG-I-Anspruch von 1.500 €:

  • 6 Monate × (1.500 € + 300 €) = 10.800 €
  • 9 Monate × 300 € = 2.700 €
  • 13.500 € insgesamt

Eine Kündigung im Affekt kann diesen Betrag kosten. Wer stattdessen einen Aufhebungsvertrag verhandelt oder betriebsbedingt geht, steht oft deutlich besser da. Und bei gesundheitlichen Gründen kann eine Sperrzeit mit ärztlichem Attest entfallen.

Die Reihenfolge, die Geld spart: erst mit der Agentur für Arbeit sprechen, dann kündigen. Nicht umgekehrt.

Was du im Job noch mitnehmen kannst

Solange du angestellt bist, hast du drei Dinge, die danach schwer zu bekommen sind.

Ein Einkommen, das die Vorbereitung finanziert. Kundengespräche führen, erste Aufträge testen, den Businessplan schreiben — das geht abends und am Wochenende. Wer erst kündigt und dann anfängt zu prüfen, verbraucht Rücklagen für Arbeit, die er auch mit Gehalt hätte machen können.

Fortbildungen. Vieles, was du dir später selbst zahlen müsstest, zahlt jetzt noch jemand anderes.

Ein Netzwerk mit Anlass. Kontakte, die du im Job hast, sind später Kaltakquise. Pflege sie, solange es einen natürlichen Grund gibt.

Ein rechtlicher Hinweis: Nebentätigkeiten sind meist zulässig, aber häufig anzeigepflichtig — und Wettbewerb zum eigenen Arbeitgeber ist während des Arbeitsverhältnisses nicht erlaubt. Wirf einen Blick in deinen Arbeitsvertrag, bevor du erste Kunden bedienst.

Die ehrliche Rechnung

Was du im Angestelltenverhältnis bekommst und selten mitzählst:

PositionWert pro Monat
Arbeitgeberanteil Sozialversicherung~ 700 € bei 3.500 € brutto
Lohnfortzahlung im Krankheitsfall6 Wochen volles Gehalt
bezahlter Urlaub~ 30 Tage
Kündigungsschutzschwer zu beziffern

Als Selbstständiger zahlst du die erste Zeile selbst, hast die zweite nicht (Krankengeld regulär erst ab Tag 43, und nur mit entsprechender Wahlerklärung), und die dritte finanzierst du aus deinem Stundensatz mit.

Genau deshalb liegt der notwendige Stundensatz deutlich über dem, was dein bisheriger Stundenlohn nahelegt — bei 2.400 € Nettobedarf landest du schnell bei 54 € und mehr.

Die Zwischenlösung, die selten erwogen wird

Zwischen „bleiben und leiden" und „alles hinwerfen" liegt der Weg, den die meisten erfolgreichen Gründungen tatsächlich nehmen:

  1. Intern wechseln oder den Arbeitgeber wechseln — falls das Problem wirklich nur die Person ist. Das kostet drei Monate statt drei Jahre.
  2. Nebenberuflich testen — drei bis fünf zahlende Kunden, während das Gehalt läuft.
  3. Erst dann entscheiden, mit Zahlen statt mit Gefühl.

Wer nebenberuflich drei Kunden gewonnen hat, kennt seine Abschlussquote, seinen realistischen Zeitaufwand und die Zahlungsbereitschaft seines Marktes. Damit wird aus der Frage „soll ich?" eine Rechnung.

Woran du merkst, dass es der richtige Schritt ist

Nicht daran, dass du nicht mehr kannst. Sondern daran, dass du auf die Frage „Wofür genau würden Leute dich bezahlen?" eine konkrete Antwort hast — und mindestens drei Menschen, die es bereits getan haben.

Wut ist ein guter Anlass. Sie ist ein schlechter Geschäftsplan.


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